Architecture Suisse

AS LIBRE

AS LIBRE | Hannes Meyer

DER REBELL IM BAUHAUS DE DESSAU

TEXT CHARLES VON BÜREN, BERNE

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HANNES MEYER AUF DER BAUSTELLE DER BUNDESSCHULE DES ALLGEMEINEN DEUTSCHEN GEWERKSCHAFTSBUNDS ADGB IN BERNAU BEI BERLIN (1928).BAUZEIT 1928-1930. BILD: ERICH CONSEMÜLLER, BAUHAUS DESSAU FOUNDATION, © STEPHAN CONSEMÜLLER

„Volksbedarf statt Luxusbedarf!“ war die Parole des progressiven Schweizer Architekten Hannes Meyer, 1928 bis 1930 Direktor am Bauhaus Dessau. Der 1889 in Basel geborene Hannes Meyer lernte Maurer und Bauzeichner, war in Basel und Berlin tätig und unternahm Studienreisen nach England. Ab 1919 war er selbständiger Architekt in Basel und wird 1927 von Walter Gropius als Meisterarchitekt an das Bauhaus in Dessau berufen.

1928 wurde Hannes Meyer Nachfolger von Gropius als Direktor des Bauhauses, förderte neu die technischen Fächer und war mit seinen Stadtbauplänen an genossenschaftlichen Zielen orientiert.B Kunst, Design und Architektur sowie die Wissenschaften sah er als Teil eines umfassenden Ansatzes. Sein Interesse lag vor allem beim Wohnungsbau und er suchte systematisch die Architektur über die Formel „Funktion x Ökonomie“ zu definieren. Für ihn war Architektur ein Instrument im Dienste der Gesellschaft.

Meyer hatte eine Vorliebe für sozialen und gewerkschaftlich geprägten Wohnungsbau. Sein kurzes Mandat am Bauhaus hat mit seinen Ideen zum Ideal der „Volkswohnung“ deutliche Spuren hinterlassen, Ideen, die letztlich sein gesamtes Schaffen prägten. Für Wohnungen und Siedlungen untersuchte und analysierte Meyer systematisch die funktionalen und psychologischen Faktoren von Grundrissen und er hielt seine Befunde in Tabellen und Diagrammen fest. Architektur wurde demnach aus seiner Sicht zu einem logisch-rationalen Prozess. Meyer sagte: „Bauen ist kein ästhetischer Prozess und Bauen ist nur Organisation“. Konsequent führte er Projekte im Rahmen interdisziplinärer Teamarbeit durch, in so genannten „vertikalen Brigaden“.

Während seines Direktorats kam es denn auch zu einer zunehmenden Radikalisierung der Bauhaus-Studenten. Das Bauhaus galt in den nationalsozialistischen Kreisen, die in Deutschland ab Ende Januar 1930 führende politische Kraft wurden, als „rote Kaderschmiede“. Am 1. August 1930 wird Meyer aus politischen Gründen fristlos entlassen. Seine sozialdemokratische Gesinnung stand in krassem Gegensatz zu den aufkommenden nationalsozialistischen Kreisen. Gropius wirkte offensichtlich im Hintergrund und beförderte die Entlassung, gleichzeitig empfahler Ludwig Mies van der Rohe als Nachfolger. Dieser war bereits am 5. August im Amt.

Hannes Meyer hat am Bauhaus das vordem eher vernachlässigte Fach Architektur ausdrücklich gefördert, er wollte ein Bauhaus, das seinem Namen entspricht. Er beschrieb das in einem Brief, den er nach seinem Hinauswurf an den Oberbürgermeister von Dessau richtete: „Was fand ich bei meiner, Berufung vor? Ein Bauhaus, dessen Leistungsfähigkeit von seinem Ruf um das Mehrfache übertroffen wurde und mit dem eine beispiellose Reklame getrieben wurde. Eine Hochschule für Gestaltung, in welcher aus jedem Teeglas ein problematisch-konstruktives Gebilde gemacht wurde. (...) Überall erdrosselte die Kunst das Leben. So entstand meine tragikomische Situation: Als Bauhausleiter bekämpfte ich den Bauhausstil.“ 1

1930 emigriert Hannes Meyer in die UDSSR um sich für Städtebau und Wohnungswesen zu engagieren. 1936-39 lebt er erneut in der Schweiz und realisiert ein Kinderheim in Mümliswil (SO), um anschliessend einem Ruf nach Mexiko-City zu folgen, wo er eine Professur bekleidet, Stadtplanung betreibt und erneut politisch tätig ist. Weder in der UDSSR noch in Mexiko konnte Hannes Meyer Projekte realisieren. Er war ein „Rebell ohne Ruhm.“ Nach einem Zerwürfnis mit den mexikanischen Behörden zieht Hannes Meyer 1949 erneut in die Schweiz, widmet sich der Herausgabe architekturwissenschaftlicher Literatur und stirbt am 19. Juli 1954 in Crocifisso di Savosa (Bezirk Lugano) im Tessin.

1 Zitate aus dem Artikel „Wer hat Angst vor Hannes Meyer?“ von Hermann Funke in Die Zeit, 24. Februar 1967.

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GENOSSENSCHAFTLICHES KINDERHEIM IN MÜMLISWIL (KANTON SOLOTHURN). PROJEKT HANNS MEYER 1939. HEUTE NATIONALE GEDENKSTÄTTE FÜR HEIM- UND VERDINGKINDER. BILD: ARCHITEKTURMUSEUM FRANKFURT

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PLANSKIZZE DER BUNDESSCHULE ADGB BERNAU VON HANNES MEYER UND HANS WITTWER, BAUHAUS DESSAU. BILD: AUS DEM BUCH „GLI ELEMENTI DELL’ARCHITETTURA FUNZIONALE“ VON ALBERTO SARTORIS (1932). ARCHIVES DE LA CONSTRUCTION MODERNE EPFL.