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André Tommasini in der Fondation Gianadda: Die Sinneslust in Marmor

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Die Sinneslust in Marmor Das Ergebnis einer dreijährigen unermüdlichen und zurückgezogenen Arbeit am harten, seidenglänzenden Marmor sind 65 Objekte-helle, fleischartige Marmorstücke und geheimnisvoll glänzende dunkle Steine. Sie alle werden auf die Reise nach Martigny geschickt, wo sie die Fondation Gianadda zu einer grossen Retrospektive erwartet. Durch Variationen mit dem gleichen Material und Format entwickelt der Lausanner Bildhauer André Tommasini Themen, die ihm lieb sind: «Weibliche Landschaften»,«Wolken», mit mehreren Elementen ausgedrückt, «Fleischbänke», die eine Form zusammendrücken, «Ausdehnungen», die organische und geometrische Formen eng miteinanderverbinden,«Geiseln»aus Stein, mit Metallkabeln gefesselt. Die Form bei Tommasini ist suggestiv, zu ertasten und gewiss «biomorph», doch sie vermeidet immer die figürliche Beschreibung. Das Unfertige und Archaische, das Vorherrschen der Idee gegenüber der Form, alles Verhaltensweisen, die in der heutigen Bildhauerei überwiegen, treffen beim Lausanner nicht zu. Er setzt die grosse klassische Bildhauerkunst fort, die mit den antiken Marmoren ihren Anfang nahm und im 20. Jahrhundert in der Form der sinnfälligen und archetypischen Volumen von Henry Moore, seinem Vorbild im Denken... oder Fühlen, aufblüht. Er gehört zu denen, die bis zur Grenze ihres technischen Könnens gehen müssen und ständig versuchen, ihre Ziele noch weiter zu stecken.

Die Technik ist me ein Ende an sich, sondern gibt der Form ihre Spannung und führt sie zu ihrem Ergebnis, sobald sie bis auf ihre letzten Einschränkungen reduziert ist. Die Langsamkeit beim Bearbeiten des Steins bedingt eine lange andauernde Beziehung des Menschen mit seiner Materie, seinen Werkzeugen und seinem Wunsch, eine Beziehung, die die Form wie eine Frucht reifen lasst. Das Geheimnisvolle des Marmorblocks, der im Atelier ankommt, macht die erste Empfindung aus : Alles ist darin vorhanden ! Aber das Material ist so schön, so hart und so eindrucksvoll, dass man zögert, den ersten Flammerschlag zu tun. Es braucht eine Bestimmung und eine Beharrlichkeit, um daran seine präzisen Vorstellungen auszudrücken und diesen wahrend Monaten treu zu bleiben. Tommasini lehnt die Krücke der mechanischen Übertragungsmittel ab, er arbeitet direkt: So kann er in jedem Augenblick das Material mit den Flanden fühlen und die Richtigkeit der Proportionen überprüfen. Es folgt die lange Prozedur des Polierens, das heisst, die Oberfläche des Steins wird liebevoll verfeinert, die feinsten Körnungen und die subtilsten Zeichnungen werden zur Geltung gebracht, und die Form erhalt die Glatte und Sinnenhaftigkeitdes Fleisches. Da fürTommasini der Dialog mit der Architektur vertraut ist, hat er zahlreiche Mauerreliefs geschaffen. Mal harmonieren diese mit ihrer architektonischen Umgebung (Hotel Agora, Lausanne, Eingangshalle von Philipp Morris, Lausanne), mal bilden sie einen bewussten Kontrast dazu (Wettbewerb für die Berufsschule Lausanne, wo der Künstler für die Studenten als Gegensatz zur technischen Welt einen Traum aus weissem Marmor schaffen wollte). Mit den treibenden, sich wellenförmig entfaltenden Formen und fliessenden Bewegungen wird die Bildhauerei Tommasinis zusehends lyrisch und barock, überwindet den statischen Widerstand des schweren Materials, um es in einen dynamischen und gleichsam elastischen Raum zu bringen. Indem der Künstler für Augenblicke die Notwendigkeit der klassischen Grundlage vergisst, behandelt er die Kostbarkeit und Ästhetik des Marmors mit einer Freiheit, die an eine unserer Zeit entsprechende unruhige Künstelei herankommt. Françoise Jaunin